{"id":1970,"date":"2023-03-13T15:08:13","date_gmt":"2023-03-13T15:08:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.cap2.eu\/?p=1970"},"modified":"2026-01-26T13:09:17","modified_gmt":"2026-01-26T13:09:17","slug":"kompensationsgeschaefte-mit-freiwilligen-co-2-zertifikaten-werden-zum-reputationsproblem-fuer-unternehmen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.cap2.eu\/de\/kompensationsgeschaefte-mit-freiwilligen-co-2-zertifikaten-werden-zum-reputationsproblem-fuer-unternehmen\/","title":{"rendered":"Kompensationsgesch\u00e4fte mit freiwilligen CO 2 Zertifikaten werden zum Reputationsproblem f\u00fcr Unternehmen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Grundidee der Kompensationsgesch\u00e4fte<\/strong><\/p>\n<p>Wer heute eine Dienstleistung oder ein Produkt einkauft, hat nicht selten die M\u00f6glichkeit, genau diese Dienstleistung oder dieses Produkt CO<sub>2<\/sub>-frei zu erwerben. Fluglinien nutzen dieses Angebot ebenso wie Mineral\u00f6lkonzerne, die ihr Benzin verkaufen. Nicht selten hat der Konsument sogar keine Wahl, sondern erwirbt ein Produkt, das schon CO<sub>2<\/sub>-neutral gestellt wurde. Obwohl diese Form der CO<sub>2<\/sub>-Neutralisierung immer g\u00e4ngiger wird, \u00fcberrascht es ein wenig, dass viele Menschen die dahinterstehenden Mechanismen oft nicht kennen und verstehen. Dabei ist der grundlegende Ansatz recht einfach: Unternehmen finanzieren Projekte, von denen erwartet werden kann, dass CO<sub>2<\/sub>-Emissionen reduziert oder eingespart werden, die sonst andernfalls entstanden w\u00e4ren. Diese positive Differenz l\u00e4sst sich dann mit den eigenen \u2013 oftmals technisch kaum zu vermeidenden \u2013 Emissionen verrechnen. Buchhalterisch und auch real ist durch diesen Vorgang dann tats\u00e4chlich ein Beitrag zum Klimaschutz entstanden. Denn dem Klima und der CO<sub>2<\/sub>-Konzentration in der Atmosph\u00e4re ist es letztlich immer egal, wo Emissionen entstehen und wo sie vermieden werden. Entscheidend ist immer eine Gesamtbetrachtung. Aus dieser Perspektive w\u00e4ren derartige Kompensationsgesch\u00e4fte zun\u00e4chst einmal eine konstruktive Vorgehensweise, um einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Theorie vs. Praxis<\/strong><\/p>\n<p>Was sich theoretisch gut und auch vern\u00fcnftig anh\u00f6rt, ist in der Praxis leider h\u00e4ufig problembehaftet. Zuweilen tun sich sogar ganze Abgr\u00fcnde auf &#8211; nicht ohne Grund sind Kompensationsgesch\u00e4fte in den letzten Monaten massiv unter Druck gekommen. Die Gr\u00fcnde daf\u00fcr sind vielschichtig, lassen sich aber grunds\u00e4tzlich recht gut kategorisieren. So ist das Hauptproblem vieler Kompensationsgesch\u00e4fte oft bei Projekten entstanden, die vorgeben, bestehende W\u00e4lder zu sch\u00fctzen, die sonst eines Tages abgeholzt werden. Hier stellt sich immer die Frage nach dem Referenzszenario: Was w\u00fcrde tats\u00e4chlich passieren, wenn der zertifizierte Schutz nicht stattgefunden h\u00e4tte? W\u00fcrde die Fl\u00e4che zu 10% abgeholzt oder gar zu 100%? Geschieht dies in den n\u00e4chsten f\u00fcnf Jahren oder in den n\u00e4chsten 50 Jahren? Wie sich gezeigt hat, lassen die \u00fcblichen Regulatorien der marktdominanten Zertifizierer geradezu absurde Bandbreiten an Annahmen zu. Und nat\u00fcrlich besteht ein \u00f6konomischer Anreiz, immer von einem worst-case-Alternativszenario auszugehen, denn dann lassen sich aus einem bestehenden Projekt die meisten Zertifikate generieren. So werden nicht selten Waldfl\u00e4chen zu einer Zertifikate-Druckmaschine, obwohl genau diese Waldfl\u00e4chen mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit auch in 50 oder 100 Jahren nicht signifikant anders aussehen werden als heute.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend diese leider recht \u00fcbliche Form der Zertifikateproduktion zuweilen mit nahezu krimineller Energie und vors\u00e4tzlicher T\u00e4uschung einhergeht, sind andere Probleme klassischer Kompensationsgesch\u00e4fte eher konzeptioneller Natur. Nehmen wir als Beispiel Zertifikate, mit denen die Aufforstung von W\u00e4ldern finanziert wird. Da hier das offensichtliche Alternativszenario in einer Brach- oder Agrarfl\u00e4che ohne B\u00e4ume besteht, ist eine Manipulation durch \u00fcberzogene worst-case-Alternativszenarien kaum m\u00f6glich. Trotzdem geht der Investor auch hier eine gewaltige Wette auf die Zukunft ein. Denn ein Baum ben\u00f6tigt gut und gerne 100 Jahre, bis eine Tonne CO<sub>2<\/sub> gespeichert wurde. In den ersten Jahren werden tats\u00e4chlich nur wenige Kilogramm CO<sub>2<\/sub> gebunden. Wenn ein Klimaschutzzertifikat langfristig eine tats\u00e4chliche Kompensation aktuell stattfindender Emissionen erbringen soll, dann funktioniert das nur, wenn die Aufforstung gelingt und der wachsende Wald mindestens 100, besser gleich 200 Jahre bestehen bleibt. Borkenk\u00e4fer, St\u00fcrme, Waldbr\u00e4nde und sp\u00e4tere Abholzungen lassen sich aber nie ausschlie\u00dfen. Und selbst wenn der Wald wie geplant auch noch in 100 Jahren steht, so stellt sich immer noch die Frage nach der Zus\u00e4tzlichkeit: Was w\u00e4re gewesen, wenn es dieses Projekt nicht gegeben h\u00e4tte? Denn in vielen F\u00e4llen werden mit derartigen Projekten Ma\u00dfnahmen finanziert, zu von Staaten ohnehin h\u00e4tten ergriffen werden m\u00fcssen, da die Staaten sich in Klimaabkommen dazu verpflichtet haben. Man kann dann als Investor zwar stolz darauf sein, ein sinnvolles Investment finanziert zu haben. Da aber die Zus\u00e4tzlichkeit nicht gegeben war, kann es auch keine Kompensation geben. Das Kartenhaus des Kompensationsgesch\u00e4ftes bricht sp\u00e4testens hier auseinander. Und es kommt noch schlimmer: Unternehmen, die gutgl\u00e4ubig Emissionszertifikate am sog. freiwilligen Kohlenstoffmarkt erwerben, f\u00fchlen sich dadurch ermutigt, ihre eigenen CO<sub>2<\/sub>-Emissionen erh\u00f6hen zu k\u00f6nnen \u2013 im Vertrauen darauf, dass diese kompensiert wurden. Wenn das aber nicht der Fall war, steigen die Emissionen durch die Existenz freiwilliger Emissionszertifikate sogar noch an.\u00a0 Ein eigentlich sinnvolles Instrument macht damit am Ende alles noch schlimmer und konterkariert das eigentliche Ziel des Klimaschutzes.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Freiwillige Emissionszertifikate sind problematisch, da Alternativszenarien fast frei unterstellt werden k\u00f6nnen und eine Zus\u00e4tzlichkeit oft nicht sicher gegeben ist. Damit wird der erhoffte Effekt der Kompensation unm\u00f6glich. Im Ergebnis kommt es auf Unternehmensebene zu buchhalterischen Emissionsreduktionen, denen keine tats\u00e4chliche Reduktion gegen\u00fcbersteht. Wir gehen daher davon aus, dass die Nutzung des freiwilligen Kohlenstoffmarktes f\u00fcr Unternehmen mittelfristig mit erheblichen Reputationsproblemen einhergehen wird. Das d\u00fcrfte auch der Grund sein, warum beispielsweise die Net Zero Asset Owner Alliance unter dem Dach der UNO ihren Mitgliedern nun nahelegt, keine Kompensationsgesch\u00e4fte auf Portfolioebene durchzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.cap2.eu\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/CAP2-Standpunkt-13-03-2023-1.pdf\"><span style=\"color: #808080;\">Laden Sie hier den vollst\u00e4ndigen Artikel als pdf runter.<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Grundidee der Kompensationsgesch\u00e4fte Wer heute eine Dienstleistung oder ein Produkt einkauft, hat nicht selten die M\u00f6glichkeit, genau diese Dienstleistung oder dieses Produkt CO2-frei zu erwerben. Fluglinien nutzen dieses Angebot ebenso wie Mineral\u00f6lkonzerne, die ihr Benzin verkaufen. Nicht selten hat der Konsument sogar keine Wahl, sondern erwirbt ein Produkt, das schon CO2-neutral gestellt wurde. 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